Thüringer Jugendliche auf Zeitreise begreifen Geschichte hautnah beim 3. Jugendgeschichtstag
Ihre Erfahrungen, wie sie als junges Mädchen ihren Bruder verlor, als im Nationalsozialismus eine SA-Einheit in Sondershausen die halbe Dorfjugend brutal zusammengeschlagen hat.

Von ihren Reisen durch Zeit, Raum und Lebensgeschichten haben Schüler aus ganz Thüringen in 18 Zeitensprünge-Projekten Erfahrungen und historisches Erbe mitgebracht. Was sie erlebt und gelernt haben, präsentierten sie am Donnerstag im Thüringer Landtag zum 3. Jugendgeschichtstag.

Plenarsaal Thüringer Landtag


Eigentlich sitzen im Plenarsaal des Thüringer Landtags Abgeordnete, die als Volksvertreter Tag für Tag Geschichtsstoff liefern. Geschichte lebt aber von den Historikern, die sie entdecken und für die Nachwelt aufarbeiten und schließlich niederschreiben.


Debatte im Thüringer Landtag

So freute sich Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski am Donnerstag, zur Abwechslung mal vor ihresgleichen zu sprechen: Wissenschaftlern. Jungen Wissenschaftlern. "Es ist ermutigend, wie leidenschaftlich sich Schüler in den Zeitensprünge-Projekten mit dem Guten und dem Schlechten der Vergangenheit auseinandergesetzt haben", erklärte die Professorin in ihrer Lobesrede an die rund 150 jungen Geschichtsforscher und weiteren 80 Gästen.


Prof. Dr. Dagmar Schipanski

Es sei eine wichtige Leistung für die Gesellschaft, Geschichte objektiv aufzuarbeiten und im Hier und Jetzt zu spiegeln, so die Landtagspräsidentin und Schirmherrin des Thüringer Jugendgeschichtstags. Es gehe nicht nur um Fakten, Geschichte sei in den Projekten auch mit dem Herz fühlbar geworden.

Auf den Spuren vergessener Helden stießen Jugendliche des Music College Erfurt in ihrem Zeitensprünge-Projekt auf Fritz Noak. Er setzte sich im Dritten Reich aufopferungsvoll und allen Gefahren zum Trotz für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein, bis er 1939 von den Nazis auf dem Erfurter Petersberg ermordet wurde.


Am Stand des Musik College e.V.

Nun wissen die Jugendlichen, warum ihr beliebtes Jugendzentrum heute noch "Fritzer" heißt und warum eine Gesellschaft damals wie heute Helden des Alltags braucht, die sich für Minderheiten einsetzen. Hinter Denkmälern und Straßennamen, hinter Jahres- und Opferzahlen oder Seiten im Geschichtsbuch würden eben immer auch persönliche Geschichten stehen, betonte Dagmar Schipanski.


Die Zeitenspringer haben in den Projekt-Recherchen viel für ihr eigenes Leben mitgenommen, sie können eigenes Handeln in dem Erlebten älterer Generationen reflektieren und so Werte verinnerlichen. Die von der Stiftung Demokratische Jugend geförderten Projekte würden aber auch Distanzen und Vorurteile zwischen Generationen abbauen, berichteten in der Diskussionsrunde Projektleiter und Teilnehmer.

So haben engagierte Jugendliche der Gemeinde Schwaara anlässlich der 700-Jahrfeier ihres Dorfes einen Dokumentationsfilm gedreht.



v.l.n.r.: Claudia Geyer (Music Colleg Erfurt e.V.), Barbara Windorf (Moderation), Dirk Matthes (Gemende Schwaara), Judith Vockrodt ( Jugendprojekt Boje Mühlhausen)

Durch die vielen Interviews mit Zeitzeugen aus vergangenen Zeiten sind sich die Generationen näher gekommen und ein Stück Heimatgeschichte wurde in das neue, digitale Zeitalter gerettet.

"Die Zeitensprünge-Projekte sind nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern für alle in der Gemeinschaft ein wichtiger Beitrag. Vieles würde sonst in Vergessenheit geraten", würdigte Peter Weise vom Landesjugendring Thüringen e.V. den kreativen und gründlichen Einsatz der jungen Geschichtsforscher. Geschichte werde schließlich nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen geschrieben. Dabei lernen die Schüler ebenso Fachliche wie soziale Kompetenzen in der Projektarbeit. Und noch viel besser: Die Arbeit sei auch spannend, ergänzte das junge Publikum.

Die 87 Jahre alte Zeitzeugin Lisa Rödiger des Zeitenspringer-Projektes aus Sondershausen musste im Plenarsaal weinen, als sie spürte, mit welcher Leidenschaft sich die jungen Thüringer den kleinen, aber oft schicksalsträchtigen Geschichten vergangenen Alltage auseinandersetzten.


Zeitzeugin
Frau Lisa Rödiger, Zeitzeugin aus Sondershausen

Ihre Erinnerungen, wie ein jüdischer Ladenbesitzer zu DDR-Zeiten aus dem Exil in den USA nach Sondershausen zurückkehrte und weinend eine Blume auf dem Grab seines Vaters fand. Diese und viele weitere ergreifende und oft lehrreiche Geschichten haben Sondershausener Jugendliche in einer Broschüre für jüngere und spätere Generationen verewigt.


Zeitenspringer
Zeitenspringer" im Thüringer Landtag

Die früher geborene Zeitzeugin, wie sich die ältere Dame selbst nannte, erinnerte in ihren Interviews auch daran, wie lebens- und liebenswert das soziale und lokale Umfeld junger Menschen heute im Vergleich zur Vergangenheit sei und man deshalb keinen Schritt zurück machen solle.

"Diese wichtige Recherche-Arbeit lässt auch begreifen, wie in der Vergangenheit Mehrheiten mit Minderheiten umgegangen sind und zeigt so nachfühlbar, was wir heute als Gesellschaft lassen sollten", lobte deshalb Thomas Heppener vom Vorstand der Stiftung Demokratische Jugend die Leistung der Zeitenspringer.



v.l.n.r.: Prof. Dr. Siegfried Wolf (Historiker), Anja Bachmann (Medienpädagogin, Zeitenspringer- Projekt Mädchenprojekt Erfurt e.V.), Thomas Heppener (Vorstand Stiftung Demokratische Jugend)

In der offenen Podiumsdiskussion wurde mit lautstarkem Beifall deutlich, wie Projektarbeit gegen das Vergessen Jugendarbeit und Schule zu Kooperationspartnern macht. Zeitensprünge selbst seien spannender als Geschichtsstunden. Diese Reise zu den Wurzeln unseres Daseins liefere viel Erkenntnis und Verständnis. Die Freiheiten, die unsere Gesellschaft heute genießt, sind keine Selbstverständlichkeit. Es sind mutige Minderheiten gewesen, kleine Helden, die gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht hätten. Solche Vorbilder müssen auch späteren Generationen objektiv, aber auch mal persönlich vorgestellt werden.


Roots of liberty Life

Kein Zufall, dass die musikalische Begleitung des Thüringer Jugendgeschichtstages von der Band "Roots of liberty life" kam, die mit ihren gesellschaftskritischen Texten zu gefühlsstarkem Sound den Publikumspreis des Thüringen Grammy 2007 gewannen.

Geschichte und Geschichten können durch viele Medien wieder lebendig werden. Songs, Videos, Ausstellungen, Hörspiele, Powerpoint oder Dorfgespräch - die Brücke zwischen Generationen kann nur über den Dialog aufgebaut werden.


Zeitenspringer Projektes "Verein Ländliche Kerne e.V."
Prof. Dr. Dagmar Schipanski am Stand des Zeitenspringer Projektes "Verein Ländliche Kerne e.V."

Die auf der Projektmesse präsentierten Projekte aus ganz Thüringen haben das verdeutlicht. Es braucht gemeinsame Ideen und Handeln, dann wachsen Generationen gemeinsam auf und lernen voneinander. Noch mehr Handwerk konnten die Teilnehmer des Jugendgeschichtstags im Anschluss an die Messe noch von den großen Historikern des Landes in drei Workshops erfahren.


Projektmesse "Geschichtsbilder"
Projektmesse "Geschichtsbilder" v.l.n.r.: Andreas Pautzke (Geschäftführer Stiftung Demokratische Jugend, Prof. Dr. Jens Goebel (Thüringer Kultusminister), Peter Weise (Geschäftführer Landesjugendring Thüringen e.V.)

Die wohl wichtigste Erkenntnis neben den Recherche-Methoden der Profis war für den Historiker-Nachwuchs aber sicher: Geschichtsforscher sind Freaks. Ihre Arbeit und ihr Erbe haben aber selbst Geschichte geschrieben.

Wer selbst Fragezeichen aus der Vergangenheit folgen will, kann sich mit einer eigenen Projektideen und seinen Mistreitern für ein Zeitensprünge-Projekt bewerben. Die Stiftung Demokratische Jugend ruft auch für das Jahr 2008 die jüngsten Historiker des Landes auf, spannende Geschichten aus ihrer Heimat auszugraben.

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