"Geschichte für Morgen", das Motto des ersten Jugendgeschichtstags in Thüringen am 31. Januar 2006 in Erfurt. Aber es sollte nicht nur ein Motto bleiben, sondern vielmehr zu einer Botschaft für die weitere Arbeit

Dagmar Schipanski "Ich freue mich über das große Interesse am Jugendgeschichtstag", sagte Frau Prof. Dagmar Schipanski, Schirmherrin der Veranstaltung und Präsidentin des Thüringer Landtags zu den rund 100 Gästen in ihrem Haus. Es sei schließlich die Pflicht der älteren Generation, Erinnerungen an die Jungen weiterzugeben, damit diese die Geschichte und die Geschichten hinterfragen und sie in ihren eigenen Worten wiedergeben könnten, so die engagierte Landtagspräsidentin.

"Das widerspiegeln der Geschichte in die Gegenwart ist entscheidend", sagte sie, deshalb sei sie auch sehr froh, dass die hier anwesenden Projekte genau das umsetzen.

Geschichtsunterricht mal anders

Die anwesenden Projekte, das waren auch Matthias, 13, und sein Team aus Straußfurt - eines von zehn ausgewählten Teams des Jugendgeschichtsprogramms Zeitensprünge der Stiftung Demokratische Jugend.

Sie hatten in ihrer Arbeit das örtliche Bahnhofsgebäude unter die Lupe genommen und präsentierten unter dem Namen "der Zug ist abgefahren" ihre Projektergebnisse. Gemeinsam mit ihrem Lehrer hatten sie sich statt Geschichtsbücher zu studieren daran gemacht, draußen nach den Spuren von Geschichte zu suchen, in ihrer Freizeit ältere Menschen aus ihrem Ort und Bahnmitarbeiter befragt und die Gemeindemitglieder konsultiert.

Stück für Stück entdeckten sie dabei, dass "ihr" alter und mittlerweile ziemlich heruntergekommener Bahnhof vor einigen Jahren ein großer Verkehrsknotenpunkt und Arbeitgeber der Region war - zur großen Überraschung aller. Sie wollen deshalb auch ihr Wissen - schön dokumentiert auf Wandtafeln, Fotos und Videofilmen - allen anderen mitteilen, die nicht zu den Zeitzeugen der Geschichte zählen und das Erfahrungswissen der Älteren teilen, und planen dafür gemeinsam mit der örtlichen Gemeinde eine Ausstellung im Gemeindehaus. Wann es soweit ist? Schon bald, meint Matthias, der es gut findet, auch außerhalb der Schule Projekte zu machen und vor allem gerne im Team gearbeitet hat. "So macht das Arbeiten einfach mehr Spaß".


"Nur wer die Geschichte versteht, kann auch die Zukunft bewältigen"

Dr.Klaus Zeh Diesem, aber natürlich auch allen anderen Projekten, die sich auf dem Jugendgeschichtstag im Thüringer Landtag präsentierten, sprach auch der Thüringer Minister für Soziales, Familie und Gesundheit, Dr. Klaus Zeh, in seinem Grußwort seinen Dank aus.

"Ich finde es eine ganz hervorragende Idee, wenn sich Jugendliche mit der Geschichte ihrer Heimat auseinandersetzen." Denn was man an seiner Heimat hätte, das wisse man oft erst dann zu schätzen, wenn man diese verließe, so der Minister.

Er selbst habe erst mit zunehmendem Alter angefangen, nach seinen eigenen Wurzeln, seiner Identität zu suchen und fände es wichtig, gerade Jugendliche in diesem Prozess zu fördern und zu unterstützen. Denn "nur wer die Geschichte versteht, kann auch die Zukunft bewältigen", zitierte Zeh ein altes Sprichwort.

"Heimatbezug und Mobilität - kein Widerspruch"

Herr Dr. Zeh habe gut daran getan, das Jugendprogramm Zeitensprünge nicht nur ideell zu unterstützen, bestätigte ihm die Landtagspräsidentin im Namen der Abgeordneten. Gerade in einer globalisierten Welt und in einer Zeit sozialer Umbrüche, wo Ortsgebundenheit oftmals als Zeichen von Rückständigkeit betrachtet werde, seien starke Wurzeln und Identifikation mit der Heimatregion wichtig und widersprächen keinesfalls dem Zeitgeist, sagte sie.
"Heimat hilft den Heranwachsenden, Geschichte zu verstehen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden", so Schipanski weiter, die sich viel Zeit genommen hatte, um sich mit jedem einzelnen Projekt zu unterhalten und sich über die Projektarbeit und die daraus entstandenen Ergebnisse zu informieren. Thorsten Hoppe vom Landesjugendring Thüringen und Projektkoordinator des Jugendgeschichtsprogramms hatte nach den Begrüßungsreden zu einem Rundgang in das Foyer des Landtags eingeladen.

Auch Thomas Heppener, Deutschlandbeauftragter des Anne Frank Hauses Amsterdam und Experte in Sachen Jugendgeschichtsarbeit unterstützt und engagiert sich in Geschichtsprojekten für Jugendliche. "Weil dadurch am authentischen Ort gelernt würde", wie er sagt. Geschichte dürfe nicht nur aus dem eigenen Blickwinkel betrachtet werden, es ginge auch darum, z.B. den Nachbarn nach seiner Meinung zu fragen, erklärte Thomas Heppener, der mit der Arbeit des Anne Frank Zentrums gerne vor allem den jungen Menschen Geschichte näher bringen möchte.

Die Auseinandersetzung mit Orts- und Regionalgeschichte, das Aufsuchen von Zeitzeugen und Personen, die ein anderes Erfahrungswissen haben ist das Thema des Jugendgeschichtsprogramms Zeitensprünge, das auch 2006 von der Stiftung Demokratische Jugend in Zusammenarbeit mit den Landesjugendministerien der fünf ostdeutschen Länder und den regionalen Partnern vor Ort weitergeführt wird. Jugendliche darin zu unterstützen, sich selbständig auf die Suche nach den Spuren der Geschichte zu machen und einen neuen Zugang zur Vergangenheit und damit auch zur Zukunft zu entwickeln, ist das Ziel. Die Verwurzelung oder die Vernetzung in der Heimat, in der Familie oder im Freundeskreis spielen schließlich für viele junge Menschen eine große Rolle auch und gerade bei der Wanderungsentscheidung oder beim Sich-zurecht-finden in einer neuen Umgebung.


"Heimat ist da, wo ich mich zu Hause fühle"

Clueso Das kann Thomas Hübner alias CLUESO aus eigener Erfahrung bestätigen. Der junge Künstler, der das Programm des Jugendgeschichtstags musikalisch einleitete, war zunächst von Erfurt nach Köln und anschließend wieder zurück in seine Heimatstadt gezogen. Er habe nach einer abgebrochenen Friseurlehre versucht, sich musikalisch zu verwirklichen und sei deswegen nach Köln gegangen, erzählt er. Aber letztendlich habe er erkannt, dass hier, in Erfurt, seine Wurzeln seien, sein zu Hause, seine Heimat und ein großer Zusammenhalt. Im Übrigen seien auch viele seiner Freunde wieder mit zurückgekommen. "Aber es ist für junge Menschen nicht einfach, eine Nische zu finden", antwortete er auf Nachfragen der Landtagspräsidentin. "Junge Leute wissen oft nicht, was sie für ein Talent haben" und müssten in diesem Suchprozess einfach mehr Unterstützung erfahren.

Ob er denn auch in der Schule immer sein Bestes gegeben habe, so wie er in seinem Song "Ich geb ständig mein Bestes" gesungen habe, fragte ihn die Moderatorin der Veranstaltung, Barbara Merkner? Ja, aber an den Geschichtsunterricht habe er zugegebener Maßen nur vage Erinnerungen, sagte er, da er sich die Dinge schon immer lieber selber beigebracht habe. Vielmehr erinnere er sich an die außerschulischen Veranstaltungen. Auch das Gitarrespielen habe er sich in seiner Freizeit und mehr oder weniger autodidaktisch beigebracht, wie Jugendminister Klaus Zeh von ihm wissen wollte. Das Publikum entließ den Songschreiber anschließend unter großen Applaus. "Mach weiter so", waren die Worte einer der jüngeren Teilnehmerinnen im Saal.


"Gern gehe ich nicht"
Dass Jugendliche durchaus in der Lage sind, selbständig eine Idee zu entwickeln und umzusetzen, zeigten auch die Jugendlichen von "Lebenslinien" aus Saalfeld.

Geschichtstag Mehrere großformatige Fotos mit Jugendlichen, aufgenommen an ihren Lieblingsplätzen und ergänzt durch Texttafeln mit Interviewausschnitten, zeugten im Foyer des Landtags von ihrer Arbeit.

Sie hatten 34 Jugendliche aus der thüringischen Kleinstadt und Umgebung nach ihren Lebensentwürfen, nach ihren Ängsten, Träumen und Hoffnungen befragt, den Alltag der jungen Saalfelder dokumentiert und damit ein Stück weit offenbart, was Jungsein in Saalfeld heute bedeutet. Die Stadt teilt das Schicksal vieler ostdeutscher Städte. Bevölkerungsschwund und Überalterung infolge der Abwanderung junger Menschen in strukturstärkere Gebiete sind alltägliche Realitäten. Matthias von dem Projekt will dennoch versuchen eine Ausbildungsstelle in der Heimatregion zu bekommen. Aber wenn nicht? "Dann muss ich wohl auch weggehen", sagt der 17-Jährige, "aber gern gehe ich nicht".

Improvision Zur allgemeinen Erheiterung trug dann am Nachmittag das Erfurter Theater "Improvision" bei. Die fünf jungen Theaterpädagogen improvisierten auf spontane Vorgaben des Publikums zu Begriffen wie "Heimat", "zu Hause", "Wärme", "Geborgenheit",ohne dass sie selbst wussten, was in den nächsten Minuten daraus entstehen würde und gaben sich der Eigendynamik der Szenen hin, was zu großer Belustigung im Publikum führte. Und das Gute an dieser Form des Theaterspielens sei zudem, so einer der fünf Künstler nach dem anschließenden Applaus, "wir können nix vergessen, wir wissen eh nix und müssen uns folglich auch nichts merken".

Ein Schritt in die richtige Richtung

Den Abschluss des ersten Jugendgeschichtstages in Thüringen, der durch den Landesjugendring Thüringen e.V. mit Unterstützung durch das Bundesprogramm CIVITAS organisiert wurde, bildete eine Podiumsdiskussion. "Wir haben eine Vision", sagte Andreas Pautzke, Geschäftsführer der Stiftung Demokratische Jugend, "nämlich dass die Ergebnisse der Jugendgeschichtsprojekte auch Eingang in den Geschichtsunterricht finden werden". Er fügte hinzu, dass es gut sei, dass diese vielen kleinen Projekte an diesem prominenten Ort, dem "Herzstück der Demokratie in Thüringen", wie Frau Schipanski sich anfangs geäußert hatte, Annerkennung erfahren und gewürdigt werden. Er hoffe zudem, dass solche Jugendgeschichtstage zu einer Tradition werden. Auch Dr. Marcus Ventzke, Historiker und Gymnasiallehrer, der sich an seiner Schule erfolgreich für ein außerschulisches Geschichtsprojekt eingesetzt hatte, kam zu einem ähnlichen Schluss. "Es ist sehr wichtig, dass wir ein Geschichtsbewusstsein erzeugen, das Geschichte nicht nur als Unterrichtsfach versteht, sondern dass wir die Brücke schlagen zwischen schulischem Unterricht und außerschulischer Projektarbeit", sagte er. Wie das genau aussehen kann, darüber werden sich wohl alle Beteiligten noch länger miteinander auseinandersetzen müssen, aber insgesamt war der Jugendgeschichtstag ein gutes Podium, um diese Lücke langsam aufzufüllen.


Podiumsrunde

Podiumsdiskussion "Es ist ein erster Schritt für das, was noch kommen wird", sagte Dieter Facklam, Schulleiter aus Thüringen. Auch Franz-Josef Schlichting von der Landeszentrale für politische Bildung betrachtete den Jugendgeschichtstag mit "Wohlwollen" und "Freude".

Und wie wichtig Heimat sein kann, stellte am Ende Robert Fischer, Vorsitzender des Landesjugendrings, fest: "Heimat ist für uns alle ein wichtiger Begriff, das wurde auch beim Wettbewerb "Das schönste deutsche Wort" im Jahr 2005 deutlich." Der Begriff "Heimat" landete immerhin gleich hinter Liebe, Gemütlichkeit und Sehnsucht auf Platz 4.

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